Zeit der Blender -oder

Glaub nicht alles, was man dir erzählt!



Lauter Millionäre?

 

Das ist  dir möglicherweise auch schon aufgefallen.

 

Wenn du viel auf Facebook unterwegs bist oder, so wie ich, verschiedene Newsletter von diversen TrainerInnen, Coaches etc. abonniert hast, bekommst du sicherlich zur Zeit auch vermehrt solche merkwürdigen Beiträge, die dir weismachen wollen, dass sie schon jetzt (Mitte des Jahres) eine Million Umsatz gemacht haben und nun darauf brennen, dir zu zeigen wie du auch dorthin kommst.

 

Ich kann es langsam kaum noch ertragen.

Mit mehr oder weniger Geschick werden die tollsten Stories aufgetischt, was sie alles in ihrem Leben schon geschafft haben, wie schwer das war und wie toll ihr Leben jetzt doch ist.

 

(Standardsatz „und das war nicht immer so“). Man kann jetzt z.B. immer Businessclass fliegen, in jedem teuren Laden einfach kaufen ohne erst auf den Preis zu schielen. Man kann Urlaub in der ganzen Welt machen und natürlich beliebig lange, weil das Business so gut eingestellt ist, dass es quasi von selbst das Geld ranschafft

Zeit gegen Geld wird dabei selbstverständlich nicht mehr getauscht. Das machen nur die Looser wie du und ich.

 

Da will dir eine alleinerziehende Mutter erzählen, dass sie schon mehrere Firmen gegründet hat. Natürlich erfolgreich, was auch immer das bedeutet. Warum macht sie dann soviel Werbung mit ihrem jetzigen Business? Ein Coachpärchen ist vom eigenen Wahnsinnsumsatz völlig baff und sozusagen vom Erfolg über Nacht kalt erwischt worden. Na sowas. Und natürlich geben sie es gerne weiter, wie das passieren konnte. Gegen cash versteht sich.

 

Die Gemeinsamkeit dieser Protagonisten?

 

Sie alle erzählen, wie toll sie sind und dass du das auch werden kannst, wenn du nur willst. Alle haben sie übrigens offensichtlich ihre eigenen Coaches, natürlich in Amerika, was sie auch gerne mal durchblicken lassen. Gurus sind das natürlich immer, bekannte Namen, denen sie selbstredend auch traumhafte Stundensätze zahlen.

 

Sie erzählen in ihren Videos oder Newslettern nie, was genau denn nun wirklich den Turbo reingebracht hat. Da wird immer drumherum geredet, auf Gefühl gemacht („wenn du jetzt nicht loslegst…“) oder mit Allgemeinplätzen gearbeitet. Solche wie „du musst halt dein Mindset auf Erfolg programmieren, endlich deine Selbstzweifel loslassen, ins Herz gehen“ usw.

 

Alles total richtig, aber das sagen andere Coaches auch.

 

Verraten die scheinbar super Erfolgreichen auch, wie man das konkret macht? Never ever. Das erfährst du natürlich nur, wenn du in ihre Gruppe, Community, Jahresprogramm, Erfolgscoaching usw. kommst. Natürlich so hochpreisig, dass einem die Augen tränen. Aber ist ja klar, von nichts kommt nichts.

 

Diese Investition in dich solltest du dir schon wert sein, oder?

 

Ich warte immer noch darauf, dass mir mal jemand vorrechnet, wie er als Einzelperson oder auch zu zweit als Paar, die nur Coaching machen, auf solche Größenordnungen wie siebenstellig kommen kann.

Haben diese Leute vielleicht noch ein Parallelleben, wo sie essen, schlafen, saubermachen, Wäsche waschen, ausruhen, Kinder erziehen, soziale Kontakte pflegen, weil sie bei ihrem Arbeitseinsatz für den Megaumsatz ja wohl rund um die Uhr arbeiten müssten.

 

Oder haben sie sich beim Universum noch mal täglich 24 Stunden dazu gekauft? Das hätte ich dann auch gerne.

 

Ich rede hier nicht von den wirklich erfolgreichen Speakern. Da sind die Größenordnungen ganz andere. Bei ihnen kann ich mir solche Umsätze vorstellen. Auch ohne, dass sie sich dafür totzuarbeiten. Es gibt natürlich auch Coaches, die ich kenne, die wirklich regelmäßig sechsstellig verdienen. Nur, die sieht man sehr selten für ihre Arbeit Werbung machen und wenn, dann werben sie nie mit ihrem Bombenumsatz, sondern mit dem Kundennutzen.

 

 Andere schlagen aus ihrer persönlichen Krise Kapital.

 

Auf FB und auch bei vielen Reportagen im TV kann man sie sehen. Da wird eine langjährige Ehe aufgelöst, weil frau mit einem neuen Mann endlich die Sexualität für sich entdeckt hat. Das kommt im mittleren Alter häufiger vor. Nur erfährt die Welt das meistens nicht. Es bleibt privat.

 

Aber hier wird das ganze Leben umgeschmissen und das vor  Publikum. Neue berufliche Ausrichtung, Wohnung gegen Wohnmobil getauscht, auswandern. Das wird wie ein Tagebuch täglich auf FB gepostet mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Ängsten. Soll ja mal ein Buch draus werden, ein Seminar, vielleicht eine neue Methode etc. Und die Fans auf FB fiebern mit. Finden es toll, weil sich da jemand scheinbar mal traut, aus dem Üblichen auszubrechen. Aber eigentlich sind sie doch nur auf der Flucht vor sich selbst.

 

Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht und Bewunderung des Risikos Anderer? Ist unser tägliches, ganz normales Leben so dermaßen langweilig? Trauen wir uns zu wenig, halten fest, weil wir Angst haben vor Veränderung?

 

Aussteigerreportagen erzielen traumhafte Einschaltquoten. Man fiebert mit, was den Leuten so passiert, staunt über ihren Mut oder schüttelt manchmal ungläubig den Kopf über so viel Unbedarftheit. Natürlich alles vom heimischen Sofa aus. Und selbst würde man das nie machen.

 

Angefangen hat diese Welle wohl mit Berichten von prominenten Pilgern auf dem Jacobsweg. Ich denke da an Hape Kerkeling, der darüber sein Buchgeschrieben hat „Ich bin dann mal weg“. Viele hat das danach animiert, als Coachpotato wie Hape, dasselbe auch zu wagen. Schau mal bei Amazon unter „Jakobsweg“, wie viele Bücher mit Reiseberichten es inzwischen dazu gibt. Sehr spannende sind darunter.

 

Und nun gibt es den Boom mit Leben im Wohnmobil, die große Freiheit.

 

Leute, die damit richtig durch die Welt ziehen und auch sogenannte Stadtcamper gibt es. Oft sind das erstaunlicherweise Singlefrauen. Freiwillig Wohnen ohne festen Wohnsitz in der Stadt. Früher hat man Menschen ohne festen Wohnsitz bedauert. Jetzt ist es ein neuer Boom. Ein Gefühl von Freiheit soll das geben. Aber ist das wirklich eine Lösung? Braucht Mensch nicht etwas, das sein Zuhause, seine Höhle, seine Insel ist? Wo Familie, Freunde einen sicher antreffen? Wo man hingehört, die Nachbarn kennt, seinen Gemüseladen, seinen Lieblingsitaliener hat?

 

Ich finde die neuen Lebensentwürfe zumindest ungewöhnlich.

Für mich wäre das nichts.

 

 

Aber zurück zu den angeblichen Traumumsätzen mancher Trainer oder Coaches.

 

Auch das ist eine Welle, von der so Mancher etwas abhaben will und Erfolg macht bekanntlich sexy. Also stelle ich mich doch einfach als sehr erfolgreich dar. Ein klares Konzept, das erstaunlich oft aufgeht. Ich frage mich bloß immer, wenn sie tatsächlich so dicke dastehen, warum sind sie dann weiterhin so am rödeln?

 

Die wirklich Erfolgreichen sind die eher Unauffälligen, die ganz punktuell anbieten, ihr Wissen weiterzugeben und nicht die, die überall, laut und dauernd zu sehen sind.

 

Warum macht mich das eigentlich so sauer?

 

Zu Recht fragst du dich vielleicht, warum mich das so nervt. Das habe ich mich auch gefragt. Ich höre täglich von meinen Klientinnen, wie sehr sie am sich drehen sind und wie viele Selbstzweifel sowieso schon da sind. Und solche Blendwerke machen das nicht besser. Sie suggerieren dir nämlich, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Du bist halt einfach zu blöd, richtige große Umsätze zu machen. Es liegt selbstredend nur daran, weil du ihr Knowhow noch nicht gekauft hast. Die großen Erfolgsformeln verraten sie dir (vielleicht) erst dann.

 

Wenn es dann immer noch nicht läuft wie ein Heimspiel? Tja, dann hast du es eben nicht richtig konsequent angewendet, es halt nicht begriffen oder brauchst einfach noch einen zweiten Jahreskurs…

Richtig gut fände ich es ja, wenn diese Leute ihr Wissen mal wirklich kostenlos rausgeben würden und dann, von mir aus kostenpflichtig, bei der Umsetzung begleiten würden. Aber, es gibt eben keine Zauberformel und auch keine Abkürzung zum Erfolg! Die harte Wahrheit ist, dass es ohne ständig Dranbleiben, viel Engagement, Begeisterung, Mindsetarbeit und entsprechendes fachliches Knowhow einfach nicht läuft.

 

Eine Selbständigkeit bedeutet viel Arbeit!

 

Natürlich muss besonders das Mindset stimmen. Hast du jede Menge hinderlicher Glaubenssätze, Programme und Muster im Unterbewusstsein, die gegen deinen Erfolg wirken, wird es schwer. Es ist der Kern meiner Arbeit, sie zu finden und aufzulösen.

Allerdings habe ich es noch nicht zur Million geschafft. Nicht mal sechstellig ist die Regel.

 

Aber, das ist auch nicht mein Ziel. Natürlich will ich, wie alle, mit meiner Arbeit auch gutes Geld verdienen aber ich verspreche dafür nicht das Blaue vom Himmel runter.

Mein Ziel ist es, mit meinen Mitteln, die etwas anders als üblich sind, wirkungsvoll zu unterstützen. Und das bodenständig und solide und davon möchte ich richtig gut leben können

 

Die jetzige Zeitqualität ist neben der großen Kraft der Veränderung auch eine Zeit der Blender.

 

Das ist wichtig zu wissen. Vielen ist daher jedes Mittel recht, um gut da zu stehen. Immer in der Hoffnung, damit Kunden anzuziehen. Denn, wenn es gut und überzeugend erzählt ist, die „Expertstory“ gut gewählt ist, dann setzt der „will ich auch haben“ Effekt ein. Ich weiß gut, wie das funktioniert, denn ich bin selbst auch schon zweimal darauf reingefallen und habe viel Geld in den Sand gesetzt. Heutzutage kann ich das unter Erfahrung verbuchen.

 

Damals war ich ziemlich frustriert. Hatte ich doch meine Verantwortung an Andere abgegeben in der Hoffnung, die hätten das „Rezept, die Wunderformel“, wie ich endlich „richtig groß“ rauskomme. Ich habe dabei gelernt, dass das nicht funktioniert und, dass es dabeibleibt, dass ich mein Business langsam, solide und ehrlich Stein für Stein und mit viel Engagement weiter aufbauen muss.

 

Die Zeitqualität, von der ich oben sprach, hat noch eine Kehrseite. Sie lockt nicht nur die Blender auf die Bühne und erzeugt Illusionsblasen, sondern sie lässt diese Blasen auch über kurz oder lang platzen. Das sollte man einfach wissen. Das gilt übrigens auch für die Blasen in Wirtschaft und in der Politik.

 

Was ist also die Moral von der Geschicht´?

 

Sei wachsam, fühle gut hin, ob dir etwas vorgemacht wird oder ob es Hand und Fuß hat. Wahre Qualität hat keine Marktschreierei nötig. Zum Glück gibt es auch viele ehrliche Coaches, Trainer und BeraterInnen. Sie machen eine gute Arbeit, aber nehmen ihren Kunden nicht die Verantwortung für sich selbst ab, sondern führen sie behutsam durch die Wirren einer Selbständigkeit. Sie arbeiten nicht mit Manipulation und behaupten nicht, dass sie das Ei des Kolumbus erfunden hätten.

 

Und es sind nie die Lautesten.

 

Ihr Anliegen, wie auch meines, ist mit solider Arbeit Anderen weiterzu helfen und dabei gut Geld zu verdienen. Und das ist völlig legitim.